Mittwoch, 15.01.2025

Überleben im Sturm

(Von) Mut, Verlust und Widerstand im Schatten des Krieges

Das steht am Abend des 23. Februars 2023, dem Vorabend des ersten Jahrestags des Beginns der großangelegten russischen Invasion auf die Ukraine, in Kates Story auf Instagram. Auf dem ersten Bild ein Foto von ihr als kleines Kind mit Schultüte in der Hand, stolz lächelnd, auf dem zweiten als Jugendliche mit Kapuzenpulli und Glitzerfilter. Doch wer ist sie eigentlich, was hat sie erlebt, und was bringt sie dazu, solch einen Satz auf ihre Instastory zu stellen?

Wir treffen uns an einem Freitagabend vor einem Starbucks, entscheiden uns aber kurz darauf, doch lieber nach draußen zu gehen und setzen uns auf eine Bank in einer Parkanlage. Es ist das erste Mal, dass wir uns seit Frühsommer 2022 wiedertreffen. Um ehrlich zu sein, haben wir uns die kurze Zeit, als wir in dieselbe Klasse gingen, kaum Beachtung geschenkt, ich ihr wahrscheinlich mehr als sie mir. Sie war die Neue, ich war seit vier Jahren in derselben Schule. Ihr Name, zumindest für diesen Text, ist Kate und sie kommt aus der Westukraine. Unser Gespräch findet am ersten Jahrestag des russischen
Überfalls statt.

Ihre Schwester arbeitet beim Roten Kreuz, erzählt sie mir, und geht jetzt durch Schulen in Wien, um Kindern vom Krieg zu berichten und Fragen zu beantworten. Kate meint, dass ihre Schwester sich freut, dass sie jetzt dieses Gespräch mit mir führt.

Ob sich viele Leute nach ihren Erlebnissen in der Ukraine und auf ihrer Flucht erkundigen, lautet meine erste Frage. Nicht wirklich, sagt sie. Viele Leute, vor allem die in ihrem Alter, würden sich kaum für den Krieg interessieren und dafür, was in dem Land passiert, dessen westlichste Stadt Wien näher liegt als Vorarlberg.

“[…]I don‘t think anyone is really
interested in this topic because like all the children now in this school, I don‘t know. After the war started, I feel like so old and like people in school seem like so
children and I think they will be like happy living without knowing about it. […]

Ich frage Kate nach ihrem Vater. Es gibt in der Ukraine ein Gesetz, das den meisten Männern im Alter von 18 bis 60 Jahren die Ausreise verbietet, sie jedoch nicht automatisch zum Wehrdienst verpflichtet. Er sei kein Soldat, erklärt Kate, er arbeite für die Sicherheitskräfte einer westukrainischen Stadt. Besonders zu Beginn der Invasion hat Russland Agenten, verkleidet als Zivilisten oder ukrainische Soldaten, in die großen Städte des Landes eingeschleust um potenzielle Ziele für Bomber, darunter Hochhäuser, in denen dutzende Familien, Pensionisten und Studenten leben, mit großen Kreuzen zu markieren. Diese Kreuze sind manchmal einfach nur mit weißer Farbe gut sichtbar auf Beton gestrichen, manchmal braucht es aber auch technische Hilfe um sie erkennen zu können. Es ist die Aufgabe von Kates Vater und seinen Kollegen, diese ausfindig zu machen, abzudecken und die Saboteure zu stellen. In der Ukraine hatte Kate eine Katze namens Sonia und einen Hund namens Nord. Auf meine Nachfrage, wo sie sich jetzt befänden, antwortet sie, dass sie jetzt bei ihrem Vater seien, mit dem steht sie auch noch täglich über Telegram in Kontakt.

Am 24. Februar, also genau ein Jahr vor unserem Gespräch, hat Wladimir Putin der russischen Armee den Befehl gegeben, in die ganze Ukraine einzumarschieren. Was er unter der Bezeichnung einer „militärischen Spezialoperation“, deren angebliches Ziel es war, russischsprachige Menschen in den „historischen Gebieten“ Russlands zu beschützen, verharmloste, entwickelte sich schnell zum größten Krieg Europas seit 1945. In Butscha, einem Vorort von Kyjiw, der kaum einen Monat von russischen Soldaten besetzt war, wurden nach dem Abzug russischer Streitkräfte mehr als 650 ermordete und gefolterte Zivilisten gefunden. Als ukrainische Truppen die Stadt Isjum in der Ostukraine befreiten, fand man mehr als tausend Menschen in Massengräbern (eines davon mit 447 Toten, darunter Kinder).

Der Krieg selbst hat aber nicht erst im Winter 2022 angefangen, sondern begann bereits 2014 als russische Soldaten die Krim, die größte Halbinsel des Schwarzen Meers, besetzten und einen Bürgerkrieg in Donezk und Luhansk, den beiden östlichsten Provinzen der Ukraine, auslösten. Bereits damals waren über 1,5 Millionen Zivilisten gezwungen ihre Heimat zu verlassen und seit Februar 2014 ist eine neue Generation von Kindern und Jugendlichen herangewachsen, die ihr Land nur im Kriegszustand kennen. Ich frage Kate, wie sie das damals wahrgenommen hat. Gar nicht so wirklich, antwortet sie. Sie sei ein Kind gewesen, sei in der Früh aufgestanden um in die Schule zu gehen und am Abend ins Bett, um zu schlafen. Ein- oder zweimal im Jahr sei ihre Mutter aber auf sie zugekommen, habe ihr gesagt, dass, sollte Russland entscheiden in den Rest der Ukraine einzumarschieren, sie sofort ihre Sachen packen müsse und sich mit ihren Schwestern und ihrer Mutter ins Auto setzen müsste. Sie würden dann zur polnischen Grenze fahren und dort auf Durchlass hoffen. Als es dann tatsächlich geschah, kam es doch etwas anders.

Den ersten Kriegstag verbringen Kate und ihre Mutter damit, den Bunker unter ihrem Haus zu putzen, ihn aufzuräumen um Platz für jene Menschen zu schaffen, die sie später als „Gäste“ erwarten. Später erkundige ich mich auch bei ihr, was ihre erste Reaktion darauf war, plötzlich in einem Land aufzuwachen, das aus dem Norden, Osten und Süden von der russischen Armee angegriffen wird. „I said I wanna sleep“ kommt die Antwort eine Stunde später. Als wir uns treffen berichtet Kate aber auch von zwei Nächten, die sie und ihre Familie im Bunker verbringen mussten und keine Sekunde schlafen konnten. In diesen zwei Nächten sind sie 20 Leute, darunter ein kleines Baby. Irgendwann in der Nacht beginnt dieses von den Geräuschen der Sirenen und Flugzeuge, die über den Bunker fliegen, zu weinen. In jenen zwei Nächten spricht kaum jemand. Kate und die anderen benutzen Telegram und Viber um sich mit Neuigkeiten zu versorgen. Jede Minute poppen neue Benachrichtigungen über neue Angriffe in der ganzen Ukraine auf. Am 26. Februar wird ein sechsjähriger Junge in einem Kyjiwer Spital für krebskranke Kinder im Artilleriefeuer erschossen. Kates Schwester, die vor Beginn der russischen Invasion im siebzehnten Stock eines Hochhauses in Kyjiw lebt, schickt Bilder, wie sie am Abend mit hunderten anderen Zivilisten in einer U-Bahn-Station Schutz sucht. Die ersten Stationen der Kyjiwer Metro wurden zu Zeiten des Kalten Krieges im Auftrag der sowjetischen Führung in Moskau tief unter der Erde gegraben. Ihr Ziel war es, die ukrainische Zivilbevölkerung im Falle eines Angriffs vor amerikanischen Bomben zu schützen, jetzt sind es russische Bomben die im Auftrag der autoritären Führung in Moskau auf die Stadt fallen.

Kate verlässt ihre Heimatstadt zusammen mit ihrer Mutter und ihren beiden Schwestern am 7. März und erreicht Österreich einen Tag danach. Es war ihr Vater, der Österreich als Fluchtort vorgeschlagen hat, es sei ein gutes Land. Sie kannten niemanden hier. Jetzt ist sie seit fast einem Jahr in Österreich, geht wochentags in Wien in die Schule und nimmt am Wochenende am Online-Unterricht aus der Heimat teil. In eineinhalb Jahren möchte sie ihren Abschluss an ihrer ukrainischen Schule machen, das erlaubt auch ein Studium in Wien. Kate will Wirtschaft studieren. Sie hofft ihr an der Universität erworbenes Wissen einsetzen zu können um, nach dem Krieg, wenn die Russen die Ukraine verlassen haben, beim Aufbau einer neuen, besseren Ukraine mitwirken zu können. Diese Idee hat sie von ihrem Vater.

Ich frage Kate, ob sie in all dem Grauen auch etwas Positives für sich, ihre Familie oder ihr Land finden kann, einen Funken Hoffnung, an den sie sich klammern könnte. Ja, meint sie und führt aus, dass die Gewalt, die Furcht, der gemeinsame Freiheitskampf die Menschen in der Ukraine zumindest näher zusammengebracht hat, als sie jemals waren. Männer und Frauen die durch die jahrzehntelange Unterdrückung der ukrainischen Sprache mit Russisch aufgewachsen sind versuchen die ukrainische Sprache mehr und mehr in ihren Alltag zu integrieren um sich von den russischen Invasoren und ihren Verbrechen abzugrenzen.

„[…]And like they trying to be like one family because before the war started, we were like, always having so many arguments. About the language, about the history, about this, all those things. And now, like all of the people are

really like one big family in Ukraine. So like, it made us, like l love every Ukrainian like even if they’re like homeless[…]”

Während unseres Gesprächs haben wir Witze über ukrainische Bauern, die zu Beginn der Invasion Panzer mit Traktoren abgeschleppt haben, gemacht, über russische Soldaten, die Waschbären und -maschinen aus Zoos und Wohnungen stehlen. Öfter noch habe ich aber schweigend Kates Erzählungen zugehört. Es ist schrecklich, was in der Ukraine passiert, was der russische Staat der ukrainischen Bevölkerung antut. Putin könnte den Krieg mit einem einzigen Befehl beenden. Ich verstehe, wenn Kate sagt, dass sie sich, verglichen mit den Schülerinnen und Schülern in ihrer Klasse, alt fühlt. Sie wurde durch ihre Erlebnisse gezwungen früh erwachsen zu werden. Ich bin sehr dankbar, dass ich dieses Gespräch führen durfte und wünsche allen Menschen, die vor Krieg und Terror auf der Flucht sind, alles Glück der Welt und der Ukraine viel Mut und Kraft in ihrem Kampf um ihre eigene Freiheit, Demokratie und Existenz.

Слава Україні!

Героям слава!

Sláva Ukrayíni

Heróiam sláva

Related Articles

Cookie-Settings

We use necessary cookies to make our website work and are installed automatically. They enable security, accessibility and network management. As we want to improve your experience with our website, we would like to set functional, analytical and social media cookies which measure how you use our site and enable more personalized content, and provide social media features. Therefore we share information about your use of our website with our partners. They may combine this information with other data that you have provided to them or that they have collected as part of your use of the services. Some of our partner services are located in the USA, which is regarded by the European Court of Justice as a country without an adequate level of data protection. There is a possibility and risk that your personal data will be processed by US authorities for control and surveillance, leaving you without effective remedies against it. With you clicking on „Accept all cookies“, you agree that cookies on our website can be used by us as well as third party providers (also in the USA) and that data can be transferred (Art 49. GDPR) unless other suitable guarantees are exceptionally not available. Your consent is voluntary and can be revoked at any time. You can configure cookies under settings.

Detailed information can be found in our Privacy Statement – Cookies.