Interview Mag. Heinrich Himmer
Als Schüler:innen verbringen wir die meiste Zeit unseres Lebens in der Schule. Oft fragen wir uns, warum die Dinge dort so sind, wie sie sind. Was wie abläuft, ist nicht willkürlich, sondern klar geregelt. Zuständig für diese klaren Regeln sind in Wien Mag. Heinrich Himmer und seine Kolleg:innen. Er ist Bildungsdirektor, quasi der Direktor aller Wiener Schulen. Ihn haben wir zum Interview getroffen und über Noten, Matura und was sich sonst noch alles ändern muss gesprochen.
Laura, Louisa und Sophia von sprint: Was macht ein Bildungsdirektor den ganzen Tag?
Mag. Heinrich Himmer, Bildungsdirektor für Wien: Zu schauen, dass alle, die in die Schule gehen, das bekommen, was sie brauchen. Die Schüler:innen haben hoffentlich die beste Bildung, die Lehrer:innen einen guten Arbeitsplatz und die Eltern das Gefühl, dass sie sich gemeinsam mit ihren Kindern für die richtige Schule entschieden haben.
Was ist Ihr Job?
Wir sind zuständig für alle Schulen in Wien, das geht von der Volksschule bis zum Konservatorium für Musik, von 6-Jährigen bis zu 30-Jährigen. Irgendwie zu schauen, dass das halbwegs funktioniert, zusammen mit vielen anderen, das ist mein Job.
Ist unser Schulsystem noch zeitgemäß? Wie viel braucht man von dem, was man in der Schule lernt, im späteren Leben wirklich?
Es gab eine Umfrage, wie viel man vom Gelernten später verwenden kann und das ist tatsächlich relativ wenig. Die Schulzeit ist ja lang und die Schulen sind sehr unterschiedlich, auch wenn es für alle ein gemeinsames Schulsystem gibt. Manche Dinge sind an einer Schule besser als andere, andere dafür schlechter. In seinen Grundfesten ist unser System aber wirklich sehr alt und es gibt wohl einiges, was verändert werden könnte. Zum Beispiel sollten die Mitspracherechte der Schüler:innen gefördert werden, sodass sie auch mit-aussuchen können, welche Inhalte aus dem Lehrplan sie verstärkt behandeln wollen.
Unser Bildungssystem ist wirklich sehr alt und es könnte einiges verändert werden.
Haben derzeit alle Kinder dieselben Chancen?
Wenn man sieht, wie viel Geld die Eltern zusätzlich für Nachhilfe ausgeben, besteht schon ein Ungleichgewicht. Wir setzen uns jedenfalls dafür ein, dass alle Kinder und Jugendlichen dieselben Chancen haben und die Ganztagsschulen sind ein wichtiger Beitrag.
Apropos Abschluss: Ist die Matura überhaupt noch notwendig? Bei vielen Studiengängen gibt es inzwischen so oder so Aufnahmeprüfungen…
Man sollte schon darüber nachdenken, wie man die Matura gestaltet. Schließlich bestehen derzeit rund 97 Prozent der Schüler:innen die Abschlussprüfungen. Ich finde, es ist ein schönes Abschlussritual. Nachher hat man Grund zu feiern, sich zu freuen. Die Hürden sehe ich eher vor der Matura, viele schaffen es ja gar nicht erst dorthin.
Gerade die Mathe-Matura macht ja oft Probleme. Es gibt viel Stoff, den die Lehrer:innen oft nicht ganz durchnehmen können. Warum wird dagegen nichts gemacht?
Es ist falsch, dass da nichts gemacht wird. Aber ich finde es auch schade, dass viele mit der Zeit die Freude an Zahlen verlieren. Mathe-Verständnis ist ja für viele wichtige Themen wichtig, etwa für Wirtschaft oder Digitalisierung. Ich war selbst ein guter Schüler, aber auch mir hat Mathe Angst gemacht. Das ist überhaupt einer der wichtigsten Aufträge, die wir fürs Bildungssystem haben: In der Schule soll man keine Angst haben müssen. Auch Lehrer:innen haben teilweise Angst, dass ihre Schüler:innen die Mathe-Matura nicht schaffen und müssen viel Stoff in wenig Zeit vermitteln.
Warum gehen so viele Schüler:innen nicht gerne in die Schule?
Ich hoffe im Gegenteil, dass viele gern in die Schule gehen. Ich war selbst Lehrer und kannte auch genug Schüler:innen, bei denen das nicht so war. Ich glaube, das hat mit diesem Druck zu tun und der Angst, dass man Fehler macht, Probleme bekommt, durchfällt, oder Freund:innen verliert. Es wäre sicher besser, wenn man nicht nur mit dem Rotstift auf Fehler zeigt, sondern auch einmal sagt: „Du bist einfach super!”.
Es werden in Wien ja immer mehr (verschränkte) Ganztagesvolksschulen und auch Bildungscampusse (wie z.B. in der Seestadt) errichtet, die Volksschule und Mittelstufe verbinden. Das geht nur bis in die Unterstufe, wie würden Sie sich eine moderne Oberstufe vorstellen?
Grundsätzlich finde ich, die Schulen bräuchten gar keine Namen. Wir benennen die Schulen mit unterschiedlichen Namen und dann wird es schwierig, dass man das Ganze zusammenstückelt. Wenn ich eine Schule baue, sollte die so gestaltet werden, dass es verschiedene Möglichkeiten gibt, man verschiedene Berufe erlernen kann, aber Lesen, Rechnen, Schreiben lernt man überall. So wäre es einfacher, denn dann muss ich nicht diskutieren, kann man in die Oberstufe und was ist mit der HTL und der HAK. Wenn man das so gestalten würde, dass es ein bisschen durchlässiger ist, könnte man auch ein paar technische Gegenstände ausprobieren, momentan kann man das aber nicht.
Die mentale Gesundheit von SchülerInnen hat sich in den letzten Jahren verschlechtert, oft wird das Ganze den sozialen Medien zugeschrieben. Meinen Sie, dass die Schule etwas damit zu tun hat?
Ja und nein. Die meisten jungen Menschen verbringen viel Zeit in der Schule, ich nehme also an, wenn sie WhatsApp oder TikTok oder SMS benutzen, sind sie auch mit vielen aus der Schule in Kontakt. Es hat also natürlich alles mit Schule zu tun. Es ist belastend, wenn so viele Nachrichten kommen, deshalb muss man auch schauen, wie man damit umgeht. Man muss selbst einen Weg finden. Man hat immer das Gefühl, wenn eine Nachricht kommt, dass man gleich reagieren muss, sonst steht sie da, es ist schon ein Druck.
Warum benachteiligt der Staat Privatschulen immer noch gegenüber öffentlichen Schulen? (u.a. die hohen Schulkosten, die nicht steuerlich abgesetzt werden dürfen)
Ich bin ein großer Fan davon, dass Bildung nichts kostet, egal wohin und in welche Schule man geht, sonst ist es schon ungerecht im Vornherein. Es ist jedoch gesetzlich so geregelt, dass bei Schulen, die von Religionen gemacht werden, der Staat die Lehrerinnen- und Lehrerkosten übernimmt. Bei allen, die das nicht sind, gibt es meistens vielleicht ein bisschen was dazu und den Rest müssen die Eltern bezahlen. Da ist sicher manchmal zum Überlegen, ob das so sein muss. Ich bin aber auch ein großer Fan von öffentlichen Schulen, also zumindest von Schulen, wo der Staat darauf schaut, ob die Qualität passt, dass da Lehrerinnen und Lehrer unterrichten, die gut ausgebildet sind, dass dort die SchülerInnen die gleichen Chancen haben. Ich möchte nicht, dass in einem
Hinterzimmer, wo niemand reinschauen kann irgendjemand sagt: „Ich bin eine Schule“, und keiner weiß es oder keiner darf reinschauen. Ich finde, es gehört kontrolliert und Privatschulen müssen die gleiche gute Arbeit leisten, wie eine öffentliche Schule, dann finde ich, sollten sie auch die Möglichkeit haben, dass sie nicht von den Eltern das Geld einziehen müssen.
Mit 10 Jahren müssen sich Kinder entscheiden, ob sie ins Gymnasium oder in die Mittelschule gehen, eine Aufteilung und Trennung findet sehr früh statt. Wie sinnvoll ist das?
Gar nicht sinnvoll. Ich bin ein großer Fan davon, dass es nur eine Schule für alle gibt. In die Volksschule gehen auch alle gemeinsam, warum müssen die SchülerInnen plötzlich aufgeteilt werden? Vor allem, wie wird das entschieden? Nach Gescheitheit oder nach Noten? Noten sind etwas sehr Individuelles und sagen nicht immer aus, ob jemand etwas kann oder nicht, und man geht ja in die Schule, um zu lernen. Dass man schon nach vier Jahren eine Weggabelung hat, ist aus meiner Sicht nicht notwendig.
Noten bedeuten für viele SchülerInnen viel Stress und Druck, im finnischen Schulsystem müssen SchülerInnen bis in die 9. Schulstufe nicht benotet werden. Finden Sie, dass Noten notwendig sind?
Noten sind ganz einfache Gradmesser, ein 5er heißt, du bist schlecht und ein 1er heißt, du bist super. Das ist supereinfach und aus meiner Sicht nicht notwendig. Erstens sollten SchülerInnen selber ein Gefühl dafür bekommen, was sie gut können, und wo sie vielleicht noch Unterstützung bräuchten, oft weiß man das selber am besten. Zweitens wäre es total komisch und würde mich sehr unter Druck setzen, wenn meine Kollegen mir Noten geben würden, das würde mich super nervös machen, weil wir ja zusammenarbeiten. In einer Klasse ist das genauso, ein Lehrer, eine Lehrerin, sitzt ja nicht einfach da oben, weiß alles und kann alles und unten sitzen die SchülerInnen und sind leise. Es geht einem ja nicht besser, wenn man hört, dass man schlecht ist, sondern es lässt einen sich noch schlechter fühlen. Deswegen finde ich, Noten müssen nicht sein, man kann das auch anders sagen, wenn man jemandem helfen will, dass er besser wird, muss man das nicht mit einer Note mitteilen. Das ist nämlich der Job von Schulen, dass Leuten, die etwas nicht können, geholfen wird, damit sie es nach der Schule können. Mit Noten erreicht man oft, dass SchülerInnen die Lust an etwas verlieren und von sich selber sagen, dass sie etwas einfach nicht können und eh schlecht sind und aufhören. Leider haben Eltern und Großeltern Noten aber unglaublich gern. Die freuen sich immer wahnsinnig, wenn sie am Zeugnis gute Noten sehen. Ich erinnere mich immer noch an die Angst, die ich früher immer hatte, bevor eine Schularbeit zurückgegeben wurde. Also Noten sind schon etwas, was extrem in der Schule drinnen ist, permanent ist man von Noten und Beurteilungen umgeben.
Mit Noten erreicht man leider oft, dass die Schüler:innen die Lust an etwas verlieren.
In Österreich muss man eine Klasse wiederholen, wenn man sie nicht positiv abschließt. Warum kann das nicht so gelöst werden, dass man in diesem Fach/diesen Fächern wiederholen muss, aber in seiner Klassengemeinschaft bleiben kann?
Die modulare Oberstufe hätte es geben sollen, wo man einzelne Module machen kann, anstatt von Klassen. Bei zwei Fünfern würde man nicht durchfallen, sondern trotzdem aufsteigen und einfach die Gegenstände wiederholen, in denen man negativ war. Solche Dinge finde ich cooler, weil warum muss ich ein ganzes Jahr wiederholen, wenn ich nur in zwei, drei Gegenständen von zwölf negativ war? In neun bin ich vielleicht super und in drei schlecht, aber ich muss das ganze Jahr nachmachen, das ist ungerecht, finde ich. Man geht ja lange genug in die Schule, warum sagt man nicht einfach, wenn du in Mathe noch was brauchst, dann schauen wir einfach, dass du bis zum Ende deiner Schulzeit so viel in Mathe kannst, dass du da draußen gut zurechtkommst.
Wenn Sie könnten, würden Sie etwas am österreichischen Schulsystem ändern? Wenn ja, was wäre das?
Keine Noten, auf alle Fälle eine gemeinsame Schule der 0- bis 18-jährigen, ganz sicher mehr Mitbestimmung von Schülerinnen und Schülern und mehr Mittel für die Schulen, die große Herausforderungen haben (Chancenindex).
Was würden Sie Ihrem 16-jährigen Ich mitgeben?
Steh zu dir und geh deinen Weg! Mein 16-jähriges Ich und mein 44-jähriges Ich sind nicht so anders, ich frag mich immer noch oft, ob ich am richtigen Weg bin. Manchmal stellt man sich infrage und das ist, finde ich, auch eine gute Eigenschaft. Wenn man sich immer wieder fragt, ob das, was man tut, richtig ist, dann ist das auch angenehmer für andere und man hat eher eine Chance sich zu verbessern, als wenn man davon ausgeht, alles perfekt zu können. Perfekt kann man auch gar nicht sein. Das gibt es nicht. Perfekt ist keiner.